Textsorten crossmedial
Der alte ungenügende und der neue ganzheitliche Kanon der Darstellsorten
Welche Textsorten kennen Sie ? Meldung, Nachricht, Bericht, Interview, Reportage, Kommentar, Portrait, Feature – das war’s. Keine einzige Nutzensorte, null Beratungsjournalismus, das Wichtigste fehlt. Der journalistische Kanon, der bereits in der Print-Ära als „ungenügend“ daherkommt, wird in der Online-Zeit zur Katastrophe: Keine Interaktion, null Partizipation, Lesercontent unerwünscht. Und niemand fühlt sich für das zuständig, worum es im Kern geht: den Kanon crossmedial zu denken !
Dieses dreifache Versagen des klassischen Journalismus ist durchaus keine neue Erkenntnis. Auch mit der Onlinewelt hat es nur indirekt zu tun. Die Wurzeln liegen viel tiefer. Seit Jahrzehnten definiert sich der klassische Textsortenkanon über ein einziges Medium, nämlich die Publikumszeitung. Von hier aus beherrscht er alle anderen Medien vom Buch bis zur Zeitschrift, von hier aus beansprucht er Geltung auch für Spezial- und Fachtitel. Dass dieser „Alleinvertretungsanspruch“ nur noch lächerlich ist, wird jetzt allmählich erkannt. Aber er war es schon immer. Schon immer war der Kanon für Fachredakteure bestenfalls ein Torso, schon immer war sein Fokus der Journalist und nicht der Leser, schon immer war er eine Einbahnstraße ohne Rückkanal, schon immer berücksichtigte er tunnelblickartig nur die Zeitung, und schon immer ging es nur um Arten des Schreibens statt auch um Typen von Konzepten. Umso schlimmer, dass Generationen von Journalisten und Redakteuren gebetsmühlenartig ihre mickrige Handvoll Sorten auswendig lernten, dass ganze Bibliotheken von Fachliteratur sich wortgewaltig mit der Abgrenzung von Meldung und Nachricht befassten, und dass in tausenden von Journalistenseminaren über nichts anderes mehr diskutiert wurde als über das Trennungsgebot Meldung-Meinung und Redaktion-Anzeige. Wie weit der klassische Kanon, der bis heute in Büchern und Seminaren referiert wird, von einem überzeugenden Sortenangebot weit entfernt ist: das wissen Sie als User dieser Site oder Teilnehmer an einem 3x3 Seminar seit langem. Bereits das starke 3N-Tool offenbart mit seinen drei Gattungen Neues, Nähe, Nutzen das ganze Elend des alten Kanons, der für die dritte und häufig entscheidende Kategorie des Lesernutzens überhaupt keine Sorte zur Verfügung stellt.
Eine kleine Geschichte der Textsorten
Im Anfang war der Dovifat. Der Zeitungsfachmann unterschied nach dem zweiten Weltkrieg zwischen unterschiedlichen „Stilformen“. Seit den 50ern gibt es bestimmte „journalistische Textsorten“, zu denen vor allem Nachricht, Bericht, Reportage, Interview und Kommentar gehören. Seit 1975 beschreibt ein Mann einen etwas erweiterten Kanon in seinem Buchklassiker „Einführung in den praktischen Journalismus“. Dieses Buch kennt jeder Journalist oder Redakteur, es gilt schlechthin als die Bibel des Journalismus, und der Mann heißt Walter von La Roche. Er prägt bis heute das Kern-Knowhow des Journalisten, eben den Textsortenkanon, der über die Hälfte des Buches (ohne den Teil Ausbildungswege) einnimmt. Interessant ist, dass von diesen 100 Seiten Textsorten allein die Nachricht 70 Seiten einnimmt, der kleine Rest verteilt sich auf Bericht, Reportage, Feature, Interview, Analyse, Kommentar, Glosse und Rezension. Zweifel darüber, was unter Journalismus zu verstehen ist, können bei dieser Gewichtung (fast 75% Nachricht) kaum aufkommen: der Nachrichtenjournalismus der Tageszeitung. Demzufolge handelt es sich auch in Wahrheit gar nicht um einen allgemeingültigen Textsortenkanon, sondern nur um den für Tageszeitungen wo sich der gute La Roche sicher Verdienste erworben hat. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts erweiterten Journalisten wie Schneider oder Raue oder Weischenberger (Hamburger Schule) den Katalog um „unterhaltende Sorten“ (Geschichten), die Mainzer Schule fügte noch „phantasiebetonte Sorten“ hinzu (Science Fiction, Hörspiel, …), so dass sich der Kanon langsam auch in Richtung Entertainment und Literatur öffnete. Die meisten Lehrer unterscheiden dabei stets zwischen „objektiven“ und „subjektiven Sorten“, Roloff gliedert aus den letzteren noch die "integrierenden" heraus (Portrait, Feature, Interview, Reportage, Essay). Mitte der 2010er Jahre gibt es eine Handvoll Journalisten, die im Kanon den praktischen Umsetzungsaspekt vermissen, so dass z.B. Peter Linden zu einer zusätzlichen Sorte "Tabelle, Statistik, Report" rät. Etwa zur gleichen Zeit entdeckt Fasel die überragende Bedeutung des Nutzwerts und macht sich durch mutige Kritik an der bisherigen Handhabung des Kanons bei den zünftigen Journalisten unbeliebt. Es sieht im Nutzwert jedoch lediglich einen Aspekt der vorhandenen Sorten, die es nach Nutzen „auszuplündern“ gelte, nicht jedoch eine eigene Gattung mit entsprechenden Sorten. Ich selbst, liebe Leser, darf mich mit Ihrem freundlichen Einverständnis in die kleine und ganz unvollständige Liste der „Kanonentwickler“ einreihen, und zwar seit den 90er Jahren mit einem eigenen gleichberechtigten Teil der „Nutzensorten“, der als effektive Sorte zu den objektiven und subjektiven hinzutritt.
Was ist neu am neuen Kanon ?
Wenn man von (periodischen) Fachtiteln herkommt so wie ich, dann ist eigentlich seit Jahrzehnten eines völlig klar: Die vorhandenen Sorten des Zeitungsjournalismus taugen nur sehr beschränkt für die Arbeit eines Fachredakteurs, der ein quartalsmäßig erscheinendes Loseblatt herausbringt oder ein Monatsfachmagazin betreut. Der klassische auf Nachricht fixierte Kanon bringt hier eigentlich gar nichts. Das gilt heute umso mehr, als aktuelle Meldungen und Nachrichten infolge der Echtzeit-Qualität des Internet den Monatszeitschriften und Wochenzeitungen praktisch ganz entzogen sind. Bereits in den 70er und 80er Jahren befasste ich mich intensiv mit dem, was ich damals praktische Arbeitshilfen nannte. Denn bei aller Bedeutung von einführenden und erläuternden Fließtexten war doch der Stellenwert von Checklisten, Anleitungen, Vergleichen, Formularen und Mustern ungleich höher. Wenn heute alle sagen, man müsse „Mehrwert“ schaffen, um im Netz zu paid content zu gelangen, so registriere ich das nicht ohne Schmunzeln: Mir würde schon genügen, wenn die Redakteure einfach "Nutzwert" schaftten, und zwar in Print und in Online, gestern wie heute. Doch eines ist sonnenklar: Aus dem klassischen Sortenkanon heraus lässt sich dieser monetarisierbare Nutzwert schwerlich generieren, da muss zu Meldung und Nachricht, Kommentar und Feature schon noch eine ganz andere Gattung hinzutreten: Die Nutzensorten, die als direkte Arbeitshilfen bei weiten „mehr Wert“ darstellen als die klassischen Sorten der Tageszeitung; mit diesem Mehrwert-Begriff kann ich mich gerne anfreunden, da ich mich als Fachlektor, -redakteur und -journalist seit Jahrzehnten mit Arbeithilfen für den Fachnutzer befasse. Es ist also auch nichts Neues, dass die Textsorten neben Informations- auch Organisationshilfen umfassen müssen. Neu ist nur seit ca. einem Jahrzehnt, dass das (Print)Formular durch die (Web)Software abgelöst wird. Neu ist auch nicht die crossmediale Anlage eines leistungsfähigen Kanons (Zeitung, Zeitschrift, Infodienst, Buch, etc.), neu ist nur seit ca. einem Jahrzehnt die Einbeziehung des Onlinemediums mit seinen Blogs, Tweets und Posts. Neu ist auch nicht Leserbrief, Anwenderbericht und Praktikertipp, neu ist nur die enorme Geschwindigkeit und Einfachheit, die Web 2.0 Anwendungen im Social Web für die interaktiven User bieten. All das muss ein moderner Kanon ebenso abbilden wie die diversen Sorten in Seminaren, Tagungen und Kongressen, denn erst unter Einbeziehung von Online- und Eventmedien wird aus dem alten (Print)Textsortenkanon ein moderner (Cross)Darstellsortenkanon. Dieser Kanon muss allen Verfassertypen offen sein (nicht nur den zünftigen Journalisten), er muss alle Wahrnehmungskanäle erfassen (lesen, hören, sehen) und er muss sich für alle Grundmärkte eignen vom Publikumsmarkt bis zum Fachmarkt. Wenn er dann noch aus Nutzersicht (statt aus Innensicht) entwickelt ist(„kundenintegriert“) und in sich selbstähnlich (fraktal) gebildet ist, dann wissen Sie allmählich, liebe Leser, was wirklich neu ist am neuen Kanon !
Kleiner Einblick in den neuen Kanon
Wie sieht nun der neue Kanon aus, liebe Leser ? Manches werden Sie sich ja bereits denken, anderes möchte ich Ihnen ein wenig andeuten, letztlich sollten Sie sich aber das Instrumentarium zur praktischen Anwendung auf Ihren Rechner laden. Klar ist ja: Es müssen drei (!) große Gattungen von Textsorten sein, aber die drei richtigen. Also nicht etwa informierende, kommentierende und interpretierende, und auch nicht objektive, subjektive und unterhaltende. Das ist nach wie vor pseudokomplett ("torsohaft"). Man muss da anders herangehen. Gut sind Sie beraten, wenn Sie die drei großen Blöcke den drei Ebenen des 3x3 Quadrats folgen lassen, die man mit denken-fühlen-handeln kennzeichnen kann. Dem entspricht das 3N-Tool auf der Kundenseite, nämlich Neues-Nähe-Nutzen als Motive, sowie das 3U-Tool auf der Produktseite, nämlich Unterrichtung-Unterhaltung-Unterstützung auf der Leistungsseite. Auf dieser Basis entstehen die drei Textsortenblöcke informierende, involvierende und initiierende Sorten. Die ersten sind „objektive Faktensorten“, die zweiten „subjektive Stimmungssorten“ und die dritten „effektive Nutzensorten“. Davon gibt’s jeweils genau drei Hauptsorten, die man wiederum in je drei Einzelsorten unterteilen kann. Z.B. gehört zur ersten Hauptsorte „Mitteilung“ die Triade Meldung, Nachricht und Bericht. Z.B. gehört zur vierten Hauptsorte der „Orientierung“ (hier sind wir bereits bei den involvierenden Sorten) die Triade Forum, Feature und Interview. Z.B. gehört zur achten Hauptsorte „Beratung“ (hier sind wir bei den initiierenden Sorten) die Triade Fallbeispiel, Ratschlag und Anleitung. Besonders erwähnt sei aus dem letzten Block der Nutzensorten die Hauptsorte Nr. 9 der „Bedienung“, die sich in die wohl wichtigste Triade Service, Werkzeug und Lösung unterteilt. Wohlgemerkt: Mit dieser letzten Triade arbeite ich bereits seit rund zwanzig Jahren, also lange vor dem Siegeszug des Web. Dass web- und softwarebasierte E-Tools hochgradigen Nutzwert enthalten können, liegt in erster Linie an ihrem genuinen Organisationscharakter, in zweiter Linie an den heutigen leistungsstarken Softwareanwendungen. Information, Emotion und Applikation – das sind eben die drei großen Schubladen, in denen sich die neun Hauptfächer befinden, die sich wiederum in je drei weitere Einzelfächer ausdifferenzieren lassen etc. Da fehlt nichts vom bisherigen. Da haben Sie alles beeinander. Und noch viel mehr dazu. Da haben Sie ein sinnvolles ganzheitliches System. Das ist der 3x3 Textsortenschrank !
Der richtige Umgang mit den Sorten
„Sorten“ ist ja ein Begriff, der im 3x3 Konzeptionsquadrat zum Designfeld gehört, welches sich mit dem WIE unserer Leistung (nicht mit dem WAS oder WORAUF) befasst, also mit der „Form“. Form ist aber stets dreigeteilt und besteht aus der inneren (Sorte), der äußeren (Optik) und der technischen (Layout) Form. Beispiel: Die (enorm wichtige) Textsorte „Vergleich“ wird optisch zur „Tabelle“ und technisch zu einem bestimmten "Format". Eine wichtige Entscheidung innerhalb eines Beitragskonzeptes ist eben die Sortenwahl, hier z.B. zu einer Gegenüberstellung zu greifen, also das Thema als einen bestimmten Typus zu inszenieren, eben den Vergleich. Die Sorte Vergleich ist mindestens ebenso wichtig wie z.B. die Glosse. Als erstes gilt es also zu erkennen, dass die Wahl der richtigen Sorte einen wesentlichen Konzeptionsbaustein darstellt – vorausgesetzt der Beitrag wird überhaupt erst konzipiert, dann recherchiert und schließlich erst geschrieben. Wenn zum Konzept also die Sortenwahl gehört, dann müssen Beiträge eigentlich ganz anders geschrieben werden als bisher: erst die Sorten, dann der Fließtext, erst also z.B. die Vergleichstabelle erstellen, dann die dazu erforderliche Hinführung, Kommentierung, Schlussfolgerung. Der Fließtext gerät also in die Rolle einer An- und Abmoderation, die Inszenierung der Sorte dagegen ist der eigentliche Nutzenkern des Beitrags. Ein derartiger Nutzenjournalismus verfährt also eher nach dem Motto „erst das Tool, dann der Text“. Aber nicht nur beim Beitrag, auch in der Konzeption eines Blattes/einer Website spielt die Textsortenwahl eine entscheidende Rolle. Und zwar sowohl bei der Profilierung der Leistung wie auch der Differenzierung vom Wettbewerb. Der Sortenmix ist ein Unterscheidungsmerkmal, die Sorte kann ein USP sein. Das Checklisten-Buch, die VOB im Bild, das Tabellenbuch, der Beitrag Steuerbelastungs-Vergleich, der technische Fachartikel Produktübersicht, die Textartikel und Schritt-für-Schritt-Anleitungsbeiträge - das sind alles Beispiele für sortenbezogene Fachmedien bzw. Beiträge. Auf diesem Hintergrund ist es mir völlig unverständlich, dass in Unis und Fachhochschulen, Journalistenschulen und Verlagsausbildungen immer noch der alte Kanon gelehrt wird. Es ist auch erstaunlich, wie wenig das Sorten-Knowhow im kritischen Bewusstsein der Produktentwickler ist, ja dass die Sorte oft gar nicht auf dem Schirm ist, wenn ich z.B. nach Konzeptbausteinen frage. Wenn ich dann von knapp 100 Sorten spreche, von denen mindestens an die 30 wirklich präsent sein sollten, so ernte ich meistens verblüffte Gesichter. Manche meinen dann, es ernte derjenige einen Preis, der in einem Beitrag die meisten Sorten unterbringe. Das ist natürlich – wie jede Art der Inflation – Unsinn, denn es kommt ja immer auf die Klasse und nicht auf die Masse an. Beherrschen sollten Sie also zwar den ganzen kompletten Kanon, verwenden sollten Sie im Beitrag aber immer nur ganz wenige Sorten, ich sage mal ca. drei. Sonst wirkt Ihr Beitrag inflationiert statt profiliert. Z.B. könnten bei einem Zinsthema ein Renditevergleich, eine Praxisanleitung und ein Zinsrechner (Web) bereits die drei „richtigen“ Sorten sein. Die sichere Auswahl der besten Sorte – darüber erkennt man den guten Blattmacher, was für Printmagazine ebenso gilt wie für Websites oder Events. Wie sicher fühlen Sie sich bei der Sortenwahl ?
Die Textsortenwahl crossmedial verstehen
Zum Schluss noch ein paar „Ausrufezeichen“, was den Charakter des neuen Kanon angeht. Das Wichtigste ist die crossmediale Einsetzbarkeit. Sämtliche 3x3 Tools sind ja quer durch die Trägermedien entwickelt, und zwar von Anfang an. Meine Erfahrung ist, das man die Instrumente der täglichen Arbeit erst dann wirklich begreift, wenn man sie für unterschiedliche Medien anwenden kann. Z.B. die Faktensorten treten bei Printmedien als Nachrichten auf, bei Eventmedien als Vorträge und bei den Onlinemedien als Datenbanken. Bei den Stimmungssorten sind es in Print Zitate, Sie-Ansprache, Moderationselemente etc., in Events das Come-together und die Small-talks, bei Onlinemedien Blogs, Posts und Groups. Schließlich entsprechen den klassischen Print-Nutzensorten wie Muster und Formulare die Event-Workshops und in Online die webbasierten Solutions. Mit dieser Art des medialen Querdenkens tun wir uns schwer, weil wir allzu lange immer nur in den „Gefängniszellen“ Buch oder Zeitschrift oder Tagung oder Online gedacht haben. Nur wer versteht, das alles zusammengehört, dem erschließt sich die Bedeutung der diversen Sorten. Hand auf’s Herz: Haben Sie bisher wirklich crossmedial gedacht, als Produktmanager, Objektleiter, Redakteur ? Dann versuchen Sie doch einmal zur eigenen Verprobung die drei großen Sortenblöcke (Fakten, Stimmung, Nutzen) auf Webcasts anzuwenden. Denn natürlich gehört das Bewegtbild wie der Off- und On-Ton zur Crossmedialität. Und tun Sie sich bitte den Gefallen und verstehen Sie sich niemals als Printredakteur, egal was Ihre noch so falschen Verlagsstrukturen vorschreiben. Sie würden sich ja von der Entwicklung abkoppeln, was kein Mensch wirklich wollen kann. Konzeptionelles Denken ist stets crossmedial, das gilt auch und besonders für die Textsortenwahl !
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1) 3x3 Thementafeln "Textsorten crossmedial"
2) 3x3 Thementafeln "Die neun modernen Nutzensorten"
3) 3x3 Thementafeln "3N Neues, Nähe, Nutzen"
